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02.04.2012

Volatilität: Alltäglicher Wahnsinn

Eine Studie belegt: Die Unsicherheit, die seit der Finanzkrise 2008 die Rohstoff-, Devisen- und Beschaffungsmärkte ergriff, ist zum Normalzustand geworden. Wie die Industrie versucht, sich auf die enormen Unwägbarkeiten einzustellen.

Bernhard Goliasch von der RHI hatte einfach an alles gedacht. „Planungsfrequenzen erhöhen, Vertragslaufzeiten anpassen, Materialflüsse optimieren“: Über jeden der Punkte referierte er im Juni auf dem Österreichischen Logistiktag. Denn Antworten waren gesucht – immer größere Marktschwankungen und die zunehmende Unplanbarkeit halten die Industrie in Atem. „Es wurde teils heftig diskutiert“, erinnert sich Goliasch. Doch eine Maßnahme setzte der Gruppenleiter Supply Chain Management damals bewusst nicht auf seine Folien – die zusätzlichen M&A-Aktivitäten zum Thema Rohstoffversorgung in der RHI. „Zwar war das Thema bei uns schon auf der Agenda – aber es gab im Juni noch keinen spruchreifen Zukauf, begründet Goliasch. Im Laufe des Jahres sollte sich das ändern. Gleich zweimal schlug die RHI 2011 zu – in Irland und Norwegen. Die Unternehmen SMA Mineral Magnesia AS und PPL werden seither in den Konzern integriert. Die Dubliner produzieren 70.000 Tonnen Sintermagnesia pro Jahr, in Norwegen entsteht seewasserbasierter Kauster, der zu Schmelzmagnesia weiterverarbeitet werden kann. Für die RHI, deren Rohstoffplanungssicherheit derzeit trotz aller Mühen nur bei 95 Prozent liegt, ein Schritt, sich aus dem Würgegriff asiatischer Rohstofflieferanten zu lösen. China sei zurzeit sehr volatil – „und sorgt für Preisüberraschungen der unangenehmen Art“, so Goliasch.

Alltäglicher Wahnsinn

Nicht nur der chinesische Drache hebt sein Haupt. Die extreme Liquidität auf den Finanzmärkten führt zu irrationalen Währungsschwankungen. Als ob das nicht genug wäre: Das Kapital fließt auch in Metall und Rohstoffmärkte und sorgt für Kursexplosionen, auf die kurze Zeit später Kursstürze folgen. Der britische Professor Martin Christopher von der Universität Cranfield hat die Volatilität der Märkte seit 1970 untersucht – sein Fazit ist ernüchternd: Seit der Ölkrise 1973 waren die Schwankungen nicht mehr so hoch wie 2008, seither lebt die Unsicherheit aus den Krisenjahren fort. Die Volatilität wird zum Normalzustand. „Sie erschlägt zurzeit die Welt“, sagt auch Gerd Kerkhoff, Vorsitzender der Geschäftsführung der Düsseldorfer Einkaufsberatung Kerkhoff Consulting. „Es geht nicht mehr darum, zum Einkaufszeitpunkt den besten Preis zu haben“, meint er. Die Frage sei vielmehr, „ob man den richtigen Zeitpunkt erwischt“, so Kerkhoff. Die Industrie erfährt das zurzeit am eigenen Leib. Denn nicht nur schwanken die Preise und Kapazitäten der Materialmärkte. Auch die Absatzmärkte und Vorproduzentenmärkte sind höchst volatil. „Die Mengenbedarfe schwanken stärker denn je“, beobachtet Franz Staberhofer, Obmann des Vereins Netzwerk Logistik (VNL). Selbst den Vorhersagen der hauseigenen Statistiker traut man nicht mehr uneingeschränkt. „Auch über  interne Vorhersagen schauen wir alle drüber, bevor wir noch einmal mit zu hohen Beständen durch die Gegend fahren“, heißt es bei einem Industriebetrieb angesichts der jüngsten Volatilitätsexzesse. Der Planungsunsicherheit mit Zukäufen wie bei der RHI ein Schnippchen schlagen hat Charme – nicht jeder Betrieb ist dazu aber in der Lage.

INDUSTRIEMAGAZIN sprach mit heimischen Leitbetrieben über deren Beschaffungswesen – und fand erstaunliche Auswege aus der Planungsmisere.

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