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23.04.2012

Meister der Materie

Shopping mit Strategie: Warum Naturwissenschaftler im Einkauf immer gefragter werden

 

Welche Funktionen hat das teure Smartphone, die das günstigere nicht hat? Wie viel Meerblick kriege ich bei diesem oder jenem Reiseanbieter für mein Geld? Und ist das Frühstück da inklusive? Bei alltäglichen Entscheidungen stellen wir häufig fest: Preise zu vergleichen lohnt sich. Wenn wir an der einen Stelle sparen, können wir uns in anderen Bereichen mehr leisten. In der Wirtschaft ist das nicht anders. Was kluge Einkaufsstrategien angeht, sind produzierende Unternehmen besonders gefordert. »So kann in der Automobilindustrie das Einkaufsvolumen bis zu 80 Prozent des Umsatzes betragen«, sagt Unternehmensberater Dr. Bernhard Höveler. Branchenübergreifend liege der Anteil immerhin bei circa 50 Prozent: »Die Hälfte des Umsatzes wird sozusagen durch das Einkaufsvolumen ›aufgefressen‹.«

Um wettbewerbsfähig zu sein, müssen Unternehmen bei der Beschaffung ihrer Rohstoffe also geschickt vorgehen und versuchen, ihre Kosten so gering wie möglich zu halten. Praktikable Lösungen können hier am ehesten Menschen geben, die vom Fach sind: Naturwissenschaftler zum Beispiel. Sie sind es auch, die einen wichtigen Teil der Beratungsleistung bei Höveler Holzmann Consulting übernehmen. »Werkstoffexperten, Physiker, Chemiker und andere Naturwissenschaftler kennen sich am besten mit den eingekauften Materialien aus. Sie wissen zum Beispiel, welche Eigenschaften eine bestimmte Stahlsorte hat, und können unseren Industriekunden daher kompetent gegenübertreten«, so Dr. Höveler. Hierbei arbeiten die Naturwissenschaftler häufig mit Wirtschaftswissenschaftlern, Wirtschaftsinformatikern oder Ingenieuren in kleinen Teams zusammen.

Charakteristisch für die beraterische Tätigkeit ist es, die wichtigen Stufen im Einkaufsprozess der Kunden zu begleiten. »Unsere Berater verhandeln mit Lieferanten neue Preise, suchen alternative Rohstoff-Quellen in internationalen Lieferketten oder versuchen den Nachschub sicherzustellen«, berichtet Matthias Hoff, Leiter Personal bei Kerkhoff Consulting. Die einzelnen Projekte bleiben dabei nicht als Konzept auf dem Papier, sondern werden gemeinsam mit dem Kunden umgesetzt. Die hierfür notwendige analytische Arbeitsweise sieht Matthias Hoff gerade bei Naturwissenschaftlern gegeben: »Sie haben mit ihrem Studium bewiesen, dass sie sich in tiefe Komplexitätsebenen vorarbeiten können.«

Aber auch in den Unternehmen selbst finden Naturwissenschaftler im Bereich Einkauf Entfaltungsmöglichkeiten. »Sie können ihr spezifisches Know-how beispielsweise in den Beschaffungsteams von Kliniken und Krankenhäusern sowie in der Lebensmittel- und Kosmetikbranche einbringen«, sagt Dr. Holger Hildebrandt, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME). Besonders geeignet seien Naturwissenschaftler für die Einkaufsabteilungen von Firmen mit Physik-, Chemie-, Pharma- oder Medizinbezug. Bei Pascoe Naturmedizin etwa, einem Hersteller von pflanzlichen und homöopathischen Arzneimitteln, sorgen Biologen für die Beschaffung von über 600 unterschiedlichen Rohstoffen – von A wie ›Allium Urtinktur‹ bis Z wie Zinkverbindung.

»Das breite Wissen um die Komplexität von biologischen Rohstoffen und deren Wirkungsweise ist Voraussetzung bei der Einbindung neuer Lieferanten oder Herstellverfahren«, erklärt Karl-Heinz Dworschak, Leiter Einkauf bei Pascoe. Biologen arbeiten eng mit Apothekern aus den Bereichen Qualitätskontrolle und Herstellung zusammen. Neben den Rohstoffen kümmern sich Naturwissenschaftler im Einkauf bei Pascoe auch um die Beschaffung von Maschinen für den Produktionsbereich. Sie kennen die hohen Anforderungen an die Herstellung von Arzneimitteln, die sich letztlich in den Maschinen widerspiegeln.

Auch in einem Chemieunternehmen wie Wacker, das chemisch-technische Erzeugnisse wie Halbleiter, Polysilizium oder Silikone herstellt und vertreibt, nimmt der Technische Einkauf einen großen Stellenwert ein. Entsprechend ausgeprägt ist hier das Fachwissen der Mitarbeiter: 20 Prozent von ihnen haben einen ingenieur- oder technisch-naturwissenschaftlichen Abschluss. »Auf den ersten Blick erfordert unser Bereich sicher Verfahrensingenieure«, erzählt Dr. Siegfried Kiese, Leiter Technischer Einkauf & Logistik bei der Wacker Chemie AG. »Allerdings zeigt die Praxis, dass eine Einschränkung auf diese Fachrichtung nicht notwendig ist.« Stattdessen sind die Teams häufig interdisziplinär aufgestellt und setzen sich neben Verfahrenstechnikern zum Beispiel aus Biologen, Chemikern, Physikern und Elektrotechnikern zusammen. Deren fachspezifisches Wissen ermöglicht unternehmensintern eine effektive Zusammenarbeit: »So sollte der Einkauf schon verstehen, was er einkauft und worauf es bei den zu beschaffenden Produkten und Dienstleistungen ankommt. Er muss differenzieren können zwischen Kriterien und Eigenschaften, die wünschenswert, und solchen, die unbedingt erforderlich sind.« Wichtig sei dies etwa bei der Beschaffung von Mess-, Steuer- und Regelungstechnik für die Produktionsanlagen. Hierzu gehöre nicht nur eine fundierte Kenntnis der Anbieter und Technologien, sondern auch das Know-how über die Produktionsprozesse. Zudem ist bei der Auswahl der Lieferanten feiner Spürsinn gefragt. »Innovationen von Lieferanten gewinnen im Wettbewerb immer mehr an Bedeutung«, so Dr. Kiese. Bei der Suche nach geeigneten Lieferanten für ein Produkt oder eine Dienstleistung gilt es also, deren Potenziale zu erkennen und für das Unternehmen nutzbar zu machen.

Viele Fähigkeiten wie die Kenntnis bestimmter Einkaufsprozesse erlangt man an Ort und Stelle im Unternehmen, das Wissen rund um Rohstoffe gibt größtenteils das Studium mit auf den Weg. Was aber sollte man sonst noch im Gepäck haben, wenn man sich als Naturwissenschaftler für eine Tätigkeit im Einkauf interessiert?

»Fremdsprachenkenntnisse sind unerlässlich, um in der zunehmenden Globalisierung der Wirtschaft bestehen zu können«, meint Dr. Holger Hildebrandt vom BME. Auch Überzeugungsfähigkeit, Flexibilität und Eigeninitiative nennt er als wichtige persönliche Qualifikationen. Zudem müsse man sich auf die wandelnde Rolle des Einkäufers einstellen: »Während der Beschaffer in den vergangenen Jahren meist nur Kosten managte, ist er jetzt als vielseitiger Verhandlungspartner gefragt.« Aufgrund der Unbeständigkeit der Märkte gewinne dabei vor allem finanztechnisches Know-how an Bedeutung. Als Vorwissen wird dieses aber seitens der Unternehmen nicht zu hoch gehängt. »Spezifische BWL-Kenntnisse sind nicht notwendig. Das Handwerk lernen unsere Berater bei Kerkhoff Consulting. Eine wirtschaftliche Denkstruktur und die Fähigkeit, Dinge unter Kosten-/Nutzen-Gesichtspunkten zu betrachten, sind jedoch Voraussetzung, um erfolgreich als Berater zu arbeiten«, erklärt Matthias Hoff.

Auch bei Wacker sind BWL-Kenntnisse im Anforderungskatalog für Bewerber nicht zwingend erforderlich. Zwar werden Naturwissenschaftler mit Berufserfahrung und einer betriebswirtschaftlichen Zusatzqualifikation als Wunschkandidaten bezeichnet – »wir haben aber auch schon exzellente Erfahrungen mit sehr guten Berufseinsteigern gemacht, die gleich nach ihrem natur- oder ingenieurwissenschaftlichen Hochschulstudium eine Herausforderung außerhalb ihres eigentlichen Fachgebiets annehmen wollten«, sagt Dr. Siegfried Kiese. Was sie vielfach auszeichne, sei die Fähigkeit zu vernetztem, mehrdimensionalem Denken: »Denn weder das billigste noch das teuerste Produkt sind zwangsläufig die beste Wahl.«

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